18. Juni 2015

Portraitfotografie

Es gibt Fotografen, die behaupten, dass Portraitfotografie – neben der Aktfotografie – die Königsdisziplin sei.

Könner dieses Faches wären fähig, das Innere nach Außen zu transportieren, also die Seele freizulegen. Und das in kürzester Zeit, denn in der Regel liest man, dass Prominente – seien es Schauspieler, Musiker, Politiker oder Sportler – nie viel Zeit mitbringen, wenn sie abgelichtet werden.

Ich kenne kein fotografisches Porträt von einem Menschen, der in der Öffentlichkeit steht, das mich berührt oder nachdenklich macht. Solche Bilder kommen in der Regel aus Krisengebieten, Kriegsschauplätzen, Katastrophengebieten. Portraits, bei denen die Augen sprechen.

Wenn ich mir Bilder von Jim Rakete (der Name ist genial – kein Künstlername!) anschaue, verneige ich mich vor der Handwerkskunst: Dieser Fotograf hat wohl die gesamte Musik- und Filmbrache abgelichtet und dabei super ins Bild gesetzt. Alles sehr interessant. Aber, das Innere erkenne ich auf keinem Bild.

Auf der Photokina 2014 war ich in der Leica Galerie. Unter anderem waren dort Bilder von Bryan Adams (genau, der Musiker) zu sehen. Es wurden Aufnahmen von britischen Soldaten gezeigt, die aus dem Irak oder Afghanistan verletzt nach Hause gekommen sind. Diese Bilder sind eine Herausforderung für jeden Betrachter. Solche Aufnahmen sieht man selten. Die Betroffenheit der Besucher in diesem Teil der Galerie war förmlich zu spüren. Adams hat es verstanden, Mut und Würde der Veteranen zu zeigen, trotz ihrer massiven Verletzungen. Vielleicht doch eine Art Inneres?

Nun die Frage: Was hat das mit mir zu tun?

Auch ich verstehe es nicht, die Seele zu fotografieren! Bilde mir aber ein, interessante Portraits zu machen. Zumindest bei der Bildbearbeitung. Bei meinem Selbstportrait kamen Kommentare von: “Habe dich fast nicht erkannt!” bis “Den Fotografen würde ich verklagen!”

Vor einiger Zeit habe ich einige meiner Kollegen fotografiert. Mit mindestens 14-Tage Bart. Also keine bekannten Sportler oder Musiker, keine Spitzenpolitiker, keine Bilder für den Pass oder Bewerbungsfotos. Aber auch das geht, seit ich eine kleine Blitzanlage habe. Das Ergebnis sollte anders sein. Bildbearbeitung schon etwas extrem. Jemandem blaue Augen machen, auch wenn er braune hat. Die Haut zeigen wie sie ist. Mit allen Fehlern. Natürlich ist auch ein Selbstportrait dabei. Oder sollte ich besser Selbstversuch dazu sagen? Am Ende sind noch ein paar normale Portraits zu sehen. Auch von Enkeltochter Leonie. Ich wollte unbedingt ein Bild von ihr mit Kopftuch. Am Ende hatte ich genau das Bild, was ich mir auch vorgestellt hatte. Kommentar Leonie: “Opa, das Bild gefällt mir aber nicht!” Die Aufnahme mit Brille hat ihr da schon wesentlich besser gefallen. Sonnenbrillen machen sich auch ganz gut. Besonders wenn ein Typ wie Jürgen eine aufsetzt. Der Bart war allerdings schon etwas älter als 14 Tage.

Viel Spass beim Bilder anschauen.